Einleitung
Köln, wie jede römische Stadt der Kaiserzeit, hatte eine Bevölkerung mit relativ hoher Schreib- und Lesefähigkeit. Selbst wenn nicht alle Kölner Briefe schrieben und empfingen oder lange Texte auf Papyrusrollen lasen, konnte doch wohl ein beachtlicher Teil die Mitteilungen der Provinzial- und Stadtverwaltung, die auf geweißten Brettern aufgeschrieben waren, verstehen. Dasselbe gilt ebenso für die Wahlwerbung, die für die Kandidaten an die Hauswände gemalt wurde (fragte man vorher die Eigentümer um Erlaubnis?). Hochoffizielle Dokumente wie das Stadtgesetz und manche Kaiserinschriften waren sogar auf Bronzetafeln publiziert.
All das ist verständlicherweise im Lauf der Jahrhunderte verschwunden, die Bronze eingeschmolzen worden. Andere geschriebene Informationen, denen man keine dauernde Bedeutung zumaß, blieben jedoch im Boden erhalten und kamen jüngst bei den Ausgrabungen am Kurt-Hackenberg-Platz in großer Zahl zu Tage (ein Teil wurde soeben von Ulrike Ehmig / Frankfurt/M. publiziert). Es handelt sich um mit dem Pinsel aufgetragene Inschriften auf Amphoren (Dipinti), die Nachrichten über die in den Gefäßen enthaltenen Waren und ihre Menge und Qualität, Namen des Exporteurs und des Empfängers sowie Notizen zur Zollabfertigung enthalten[1]. Die Eichenbalken des Hafenkais tragen Namenstempel, die wohl den Händler angeben. Daneben wurde in großer Menge Abfall einer Werkstatt gefunden, die unter anderem die Holzrahmen der mit Wachs überzogenen Täfelchen produzierte, die in der Verwaltung und im privaten Leben in großer Menge – wie heute Papier - verwendet wurden[2].
Erhalten blieben jedoch vor allem Inschriften, die im Blick auf die Ewigkeit auf Stein publiziert wurden. Dies waren – wie noch heute – Grabinschriften, aber auch Weihinschriften für Götter, denen man für Hilfe in Not ‚ewig’ dankbar sein wollte. Auch Stifter öffentlicher Bauten hofften natürlich auf die Ewigkeit ihres Werkes[3].
Der vorliegende Katalog umfasst diese Steininschriften, d.h. Inschriften in lateinischer Sprache, meist auf Kalkstein und geschrieben in Großbuchstaben (Majuskeln). Inschriften in ubischer, d.h. germanischer Sprache und auf dauerhaftem Träger gab es unseres Wissens nie: die Sitte des Setzens von Inschriften – oder der 'epigraphic habit’, wie man ihn heute oft nennt - kam zusammen mit der Übernahme der lateinischen Sprache an den Rhein[4]. Einige griechische Inschriften zeigen, dass der personelle Austausch zwischen griechischem Osten und lateinischem Westen selbst den hohen Norden des Reiches erreichte; ein rhetor Graecus sorgte für die bilingue Ausbildung der kölnischen Oberschicht (vgl. nr. 437).
[1] U. Ehmig, Tituli picti auf Amphoren in Köln, Kölner Jb. 40, 2007, 215 – 322, vgl. dies., Alles im grünen Bereich: grüne Oliven, Grünspan und weitere 200 Pinselaufschriften aus Köln, xxxx
[2] H. Galsterer, Das Militär als Träger der lateinischen Sprach- und Schriftkultur, in: Das Militär als Kulturträger in römischer Zeit Köln 1999, 37 – 50 und „Vindolanda“, in: RGA 32, 2006, 423-427.
[3] Wie es mit dieser „Ewigkeit“ stand, sieht man an einer Bauinschrift Neros (nr. 246), die ein Jahr nach ihrer Aufstellung in einem Kanal unter der Erde verschwand, vgl. Rom am Dom 11. Noch eine Stufe ‚vornehmer’ waren Bronzeinschriften, auf Bronzetafeln und aus in Stein eingelegten Bronzeinschriften, doch war deren Überlebenschance begreiflicherweise noch geringer als die von Marmorinschriften (s.u.).
[4] Wie dieses Latein ausgesprochen wurde, wissen wir nicht. Bei den Namen einheimischer Götter versuchte man gelegentlich, unlateinische Rachenlaute mit besonderen Zeichen wiederzugeben, z.B. die rechte Hälfte eines H für ein –ch- in Nr.123, 128,145 und 181, vgl. auch Weisgerber 146 f. Zu dem ‚epigraphic habit’ vgl. zuletzt C. Witschel, Der epigraphic habit in der Spätantike. Das Beispiel der Provinz Venetia et Histria, in: Krause, Jens-Uwe; Witschel, Christian (Hg.) (2006): Die Stadt in der Spätantike - Niedergang oder Wandel? Akten des internationalen Kolloquiums in München am 30. und 31. Mai 2003. Stuttgart: Steiner (HistoriaEinzelschriften, 190).

